Lust
Interview mit Intelligenz Interview mit Lust Interview mit Pflicht

Und heute haben wir einen ganz besonderen Gast vor dem Mikro. Heute heiße ich die Lust willkommen!

Ja. Nein. Was war die Frage? Entschuldigung ich war gerade abgelenkt. Ich hatte unglaubliche Lust den Flugverlauf einer Fliege zu folgen.

Äh, ich habe noch gar keine Frage gestellt…

Ach Papperlapapp. Ist doch alles hier nur Geschwafel. Und immer noch kein Interview fertig gekriegt! Wissen Sie was? Ich gehe!

(Stuhlkrachen, Türknallen)

Was zum…

(Stille, Türöffnen)

Verzeihen Sie, aber ich hatte den unwiderstehlichen Drang eine Szene zu machen. Soll nicht wieder vorkommen.

Nun die Szene ist Ihnen ja sehr gut gelungen.

(Lachen)

Mit Feuer und Flamme!

 

(gereizt)

Können Sie etwas weniger theatralisch sein? Kommen wir zu Sache.

Tja, das war mein Stichwort. Man sieht sich.

(Schritte, Türenklacken)

Halt nein, warten Sie! Sie können doch nicht...

Oh doch, sie kann.

Nanu, wo kommen Sie denn her? Wer sind Sie? Sie sehen sehr blass aus. Geht es Ihnen gut? Und da ist ja noch jemand.

(müdes Seufzen)

Ich bin die Pflicht.

Und Ihr Begleiter, auf den Sie sich stützen?

(eisern)

Ich bin die Disziplin.

Sie sehen sehr müde aus, darf ich Ihnen ein Kaffee anbieten?

Was meinst du Disziplin? Eigentlich darf ich nicht, aber es würde so gut tun…

Nein.

Ja, du hast Recht. Immer hast du Recht.

Entschuldigen Sie meine Aufdringlichkeit, Sie sind auch bestimmt ganz tolle Interviewpartner, aber können Sie mir etwas über die Lust erzählen? Ich habe meinen Produzenten ein Interview mit Lust versprochen, Sie verstehen sicher…

Genau deswegen sind wir hier. Leute kommen zu Schaden, wenn sie sich auf Lust verlassen. Dummheit hat da bestimmt seine Finger im Spiel…

Überspringen wir die Belehrungen. Also können Sie mir jetzt etwas über Lust erzählen oder nicht?

Nunja, Lust habe ich nicht, aber es ist ja meine Pflicht Ihnen etwas darüber zu erzählen, was?

(Schnaufen)

Wissen Sie, seit wir existieren renne ich ihr hinterher und versuche das Chaos aufzuräumen, das sie hinterlässt.

Können Sie das ausführen?

Lust hat die ebenso wunderbare wie schreckliche Fähigkeit Dingen einen Anfang zu geben.

Okay, jetzt etwas weniger kryptisch.

Lust lässt Dinge ins Rollen kommen. Sie stößt am Hang stehende Steine an.

Hören sie, ich muss hier sinnvolles Material über Lust zusammenstellen, mein Interviewpartner ist weggerannt und Sie ersetzen eine unverständliche Metapher durch die Nächste. So geht das nicht. Werden Sie bitte konkret.Ich muss etwas Handfesteres haben als die "Rolling Stones".

Es ist nicht einfach…

Nun machen sie schon. Einfach frei heraus. Erfinden Sie etwas. Erzählen Sie einfach drauf los. Es ist nur eine Interviewaufnahme. Wir können schneiden…

(murmelt)

Was wäre ich nur ohne dich, Disziplin?

(eisern)

Verzweiflung

Wie wahr, wie wahr.

(tiefes Seufzen)

Hören Sie! Ich mache hier "nur" meine Pflicht, damit Sie…

Dann erfüllen Sie sie bitte und erzählen Sie auch!

Wo soll ich anfangen? Ich bin nicht so einfach und leicht wie die Lust, die mal Dieses mal Jenes in Bewegung bringt. Ich versuche die Dinge weiterzuführen, die von Lust angestoßen und verlassen wurden. Ohne mich würden hier nicht die Stühle stehen, auf denen wir sitzen, geschweige denn dieses Büro, dieses Gebäude, diese Stadt. Oder glauben Sie allen Ernstes, dass Lust sich um die Dinge gekümmert hat. Ihnen eine Bahn gegeben hat. Nein sie ist abgehauen! Wie eben in ihrem Interview einfach rausgelaufen ,als…

(vernehmliches Räuspern)

Verzeihen Sie meinen Gefühlsausbruch, ich bin weder hier mich über meine kleine verantwortungslose Schwester auszulassen, noch Ihnen mein Leid zu klagen.

Ach was, das war hochinteressant! Das ist der Stoff aus dem Titelseiten gemacht sind. Ich kann es schon vor mir sehen: Lust: Topterrorist unserer Zeit - seine nächsten Vertrauten packen aus. Das wird DER Erfolg!

Jetzt machen Sie mal halblang. Sie brauchen mich nämlich noch um Ihr Interview fertig zu machen.

Wie bitte? Ich kann das Interview mit Lust beenden wann ich will.

Können Sie eben nicht. Mein Gott sind Sie ein sturer, frecher, unreifer Interviewheini, der…

(laut vernehmliches Räuspern, dann Stille)

Disziplin richtig? Haben sie ein Kratzen im Hals? Darf ich Ihnen ein Husten Bonbon anbieten?

(Seufzen)

Sehen Sie ohne mich wird es kein Erfolg, denn würde ich wieder gehen, wer sollte dann das Interview machen?

Lust?

Ja, klar. Leider hat Sie Lust verlassen. Würden Sie sich vielleicht sogar etwas ausdenken? Würden Sie das Interview veröffentlichen? Kämen Sie je dazu? Und vor allem Ihre Behauptung, Sie würden den Erfolg landen mit dem Interview, Könnten Sie den Erfolg ohne mich überhaupt spüren? Sie brauchen mich um all das zu beenden und die Früchte ihrer Arbeit zu genießen. Lust befriedigt nicht! Wie können -

(lautes, gekünsteltes Räuspern)

Sicher, dass Sie kein Bonbon wollen, Disziplin?

(eisern)

Nein, danke.

Pflicht, würde es Sie stören wenn Sie ihren Begleiter wegschicken. Wir können mit ihm zusammen kein anregendes Gespräch führen.

Ich kann aber für nichts garantieren, wenn mir Disziplin fehlt.

Schon okay. So'was lieben die Menschen.

(Schritte, Türschließen, kurze Pause)

Waren Sie denn immer so alt und kränklich?

Im Gegenteil! Nur in letzter Zeit werde ich immer blasser und älter.

Woran liegt's?

Ach, ich friste mein Dasein als an antiquiertes Konzept. Überlegen Sie einmal. Was tun Sie noch aus Pflicht? Zu Arbeit gehen, wenn Sie keine Lust haben? Den Hund ausführen, den Müll wegbringen?

Alles gute Beispiele, aber anhand ihrer Fragenstellung ahne ich schon, dass Sie das anders sehen. Ich versuche Ihnen jetzt mal zuvorzukommen. Ich tue diese Dinge nicht aus Pflicht sondern aus…? Ja was kann es denn sein.

(kurze Pause)

Bringe ich den Müll raus, aus Angst vor meiner Frau?

(klagend)

Sie verstehen nichts! Sie wissen nicht, was ich meine. Sie spotten mit Ihrer Unwissenheit!

Das sollte ein Scherz sein… Entschuldigung, ich dachte Sie hätten...

(verzweifelt)

Glauben Sie mir, Sie waren näher dran als Ihnen lieb ist. Warum gehen Sie zur Arbeit, auch wenn Sie keine Lust darauf haben? Die Antwort auf all ihre Fragen ist: Weil Sie Angst haben! Sie haben Angst ihren Lebensstandard nicht einhalten zu können. Sie leben in einer Fantasie von Ihrem Leben und Sie haben Angst, dass sie wie eine Blase zerplatzen könnte. Sie tun alle unangenehmen, lästigen Dinge nicht, weil Sie sie als Pflicht ansehen, sondern aus Angst! Sie wenden nur soviel Energie auf, wie Sie brauchen um die Illusion aufrecht zu erhalten! Und Innerhalb der Blase sind Sie gefangen! Im Spiegelkabinett der Unterhaltung!

(am Weinen)

Der hinterhältigste und schlimmste Ort von allem! Ach, wenn es doch nur Lust wäre, dem Sie nachrennen. Nein, es sind alles nur Zerrbilder von Lust! Unterhaltung, Vergnügen, Spaß, Adrenalin ohne Gefahr, Spannung ohne Abenteuer. Erfahrung ohne Reisen. Sie verrichten die Arbeiten die nötig sind um weiter im Spiegelkabinett herumzuirren. So ziehen Sie maximales Vergnügen aus minimaler Anstrengung! Die Menschen sind drauf und dran mich aus den Augen zu verlieren. Aber ich kann es euch nicht verübeln. Diese Zeit der Spiegelungen und Geister habt ihr geschaffen und jetzt formt euch eben jene Zeit! Und ich werde verschwinden, als eines der zahllosen, namenlosen Opfern der Zeit! Und ach, was habe ich alles gesehen! Die größten Wunder wurden von mir…

Jetzt reißen Sie sich mal zusammen! Ihr Rumgeheule hält ja keine Sau aus! Herrgottnochmal! Wo ist Ihr Begleiter hin, wenn man ihn braucht? Schleppen Sie sich hier aus dem Studio. Na machen Sie schon. Jetzt habe ich eine ganze Interviewsession mit diesem Affenzirkus zugebracht. Verschwinden Sie!

(aufgelöst)

Aber ich bin so alt und gebrechlich, ich kann nicht!

Oh doch und ob Sie können. Hören Sie auf zu heulen und nehmen Sie Ihren verdammten Stuhl als Gehilfe und wenn Sie sich nach Hause gerobbt haben, dann gucken Sie in ihre alte Kaffeedose und kaufen sich für teuer Geld einen Rollator. Oder Mumm. Und wer weiß mit etwas Glück werden Sie einen angenehmen Lebensabend haben oder sogar einen zweiten verdammten Frühling, aber gehen Sie jetzt!

(Türgeräusch und Schritte über Wimmern und Schluchzen)

Na, endlich Disziplin. Nehmen Sie mir hier dieses Stück Elend ab.

Ich bin nicht Disziplin, die habt ihr fortgeschickt. Ich bin Bedauern. Ich entschuldige mich für diesen Zwischenfall und nehme Elend wieder mit. Ich wollte hier nicht stören, aber Elend spielt so gerne mit Verzweifelung verstecken. Ich nehme sie wieder mit.

Ja was auch immer! RAUS!

Komm, Elend wir gehen, wird Zeit dich aufzumuntern.

Das Ende der Welt naht! Unser Untergang ist besiegelt!

Jaja, gut gebrüllt. Komm an die Hand.

(Türenschließen, Stille)

Diese verfluchten…

(Durchknacken eines Bleistiftes)

Hahahahaha, wie süß. War mein kleiner, dummer Sohn auch kurz da.

Lust? Wo kommen Sie denn wieder her?

Ich hatte Lust, Sie wieder zu sehen.

(Lachen)

Und ich sehe, Zerstörungswut war auch schon hier.

(kurze Pause)

Naja, eher Zerstörungswütchen.

(verdutzt)

Zerstörungswut ist ihr Sohn?

Ja, in der Tat.

(Schweigen, Papierrascheln, Seufzen)

Wissen Sie was? So anregend und überraschend Sie auch sein mögen, als Interviewpartner sind Sie ein Alptraum. Und ehrlich gesagt habe ich einfach nicht mehr die Nerven, Sie weiter zu interviewen.

Das trifft sich gut! Spüren Sie nicht auch den Drang, nach Hause zu gehen und dieses Gurken-Interview zu beenden?

Ja, das können Sie laut sagen. Und wissen Sie was? Ich werde mir einfach etwas zurechtlegen: nett, kurz, unverfänglich und unauffällig.

Machen Sie das.

(Gähnen)

Nach Hause fahren, die Füße hochlegen, etwas gutes Essen, den Kindern gute Nacht sagen ,ein paar Stunden mit meiner Frau verbringen und wunderbar friedlich einschlafen. So falsch kann das doch gar nicht sein…

…vielleicht morgen freinehmen, weil, man hat heute auch soo hart gearbeitet.

(Lachen)

Schön wär's.